Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.
Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.

Arbeitstagung des Freien Deutschen Autorenverbands 2013 in Bad Bevensen

Freitag, 01.11.2013, 18 Uhr: Begrüßung

 

Martin Kaiser, der Leiter des Gustav-Stresemann-Instituts in Bad Bevensen, stellte die konzeptuelle Ausrichtung dieser Tagesstätte vor und ging dabei gleichzeitig auf die Zielgruppe eines Autorenverbands ein, indem er immer wieder Parallelen zur Literatur zog. Der Politikwissenschaftler erläuterte, dass die Schwerpunkte der Institutsarbeit im interkulturellen Dialog sowie in der politischen Bildung liegen, und betonte: „Literatur hilft uns, den vorhandenen Bildern neue hinzuzufügen.“ Literatur sei die Voraussetzung für ein ganzheitliches Verstehen, weil die Dimension der Gefühle aufgeschlossen werde. Anhand verschiedener Situationsbeispiele aus zurückliegenden Seminaren und Begegnungen belegte Kaiser die Verschränkung von Sprache, Literatur und gegenseitigem Verständnis, die auch große kulturelle Unterschiede überwindet.

 

 T. A. Wegberg


 

Freitag, 01.11.2013, 18.15 Uhr: Festrede zum Büchner-Jahr: Der Zorn des Autors

 

Prof. Ilse Nagelschmidt, Präsidentin des FDA, lieferte einen ersten Überblick über das Leben und Schaffen Georg Büchners. Der hessische Autor und Dramatiker, der am 17. Oktober seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte, stand im Mittelpunkt der diesjährigen FDA-Arbeitstagung. Mit ihm beginnt die deutsche Exilliteratur: Büchner musste wegen der „Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen“ nach Frankreich flüchten und wurde durch die dortigen politischen Strömungen entscheidend geprägt.

 

Er war der Gründer der „Gesellschaft für Menschenrechte“, welche die soziale Revolution forderte. Seine kritischen und aufrührerischen Flugschriften veröffentlichte er unter dem Namen des Hessischen Landboten. Die Enttäuschung über den Verlauf der Französischen Revolution verarbeitete er in seinem ersten Drama Dantons Tod, in dem er zugleich auch sein wichtigstes Thema aufgriff: die Sinnlosigkeit des Handelns und die Fremdbestimmtheit jedes Einzelnen.

 

Das Lustspiel Leonce und Lena, dessen Uraufführung erst lange nach Büchners Tod stattfand, versteht sich als Satire auf die Entwürdigung des Menschen; die Erzählung Lenz dagegen gilt als Geburtsstunde der modernen Prosa. Sie schildert die Angst und Verzweiflung eines Menschen, der alle Anzeichen des beginnenden Wahnsinns an sich feststellt, ohne der Erkrankung Einhalt gebieten zu können. Woyzeck, der Held des gleichnamigen Bühnenstücks, zeigt das Leiden und Ausgeliefertsein des Menschen zu Zeiten der Industriellen Revolution. Büchners literarisches Werk ist nicht umfangreich, denn er starb bereits im Alter von 23 Jahren, doch hatte es nachhaltige Wirkung.

 

Im 20. Jahrhundert wurde Büchner hauptsächlich als politischer Autor wahrgenommen, was mit einer gleichzeitigen Unterschätzung seiner ästhetischen Qualitäten einherging. Erst in jüngeren Jahren finden auch seine philosophischen Schriften Anerkennung, beispielsweise seine respektlosen und ironischen Kommentare zum kartesianischen Gottesbeweis. Und seine literarische Wirkung drückt sich vor allem in der hohen Wertschätzung des jährlich verliehenen Büchner-Preises aus, der unter anderem an Günter Grass, Heinrich Böll, Peter Handke und an das FDA-Ehrenmitglied Reiner Kunze verliehen wurde.

 

 T. A. Wegberg

 

 

Freitag, 01.11.13, 20 Uhr: Georg und Minna – szenische Lesung


In der von Brigitte Gutmann und Helmut Hannig vorgetragenen Lesung wurde das Leben und Wirken Georg Büchners anhand des Briefwechsels mit seiner Verlobten Louise Wilhelmine Jaeglé, genannt Minna, geschildert. Deutlich wurde die düstere Stimmung, unter der Büchner in der politischen Situation seiner Zeit litt.

Die Tragik und Sehnsucht getrennt lebender Liebender sprach deutlich aus den Liebesbriefen. Die Sorge Minnas um Georgs Gesundheit war ein Hauptthema des Briefwechsels.

Büchner, der gegen die Ungerechtigkeiten des Adels gegenüber der Landbevölkerung ankämpfte, erzählte Minna bei einem heimlichen Treffen in Straßburg, wo er sich während der Semesterferien zu Besuch aufhielt, von der Gründung der „Gesellschaft der Menschenrechte“, einer Geheimgesellschaft. Sie machte sich große Sorgen um ihn, weil er entdeckt und bestraft werden könne. Die Verlobten litten unter ihrer ständigen Trennung; Büchner studierte zu dieser Zeit in Gießen.

Nach einer für beide glücklichen, aber kurzen Zeit reiste Büchner am Ende der Semesterferien von Straßburg nach Darmstadt, wo er eine Abteilung der „Gesellschaft der Menschenrechte“ gründete. Anschließend setzte er seine Studien in Gießen fort und rief dort eine politische Flugschrift ins Leben, die er Hessischer Landbote nannte. In ihr prangerte Büchner die soziale Ungerechtigkeit seiner Zeit an, die den Menschen das Leben zur Hölle machte. Die Verhaftung von Helfern ließ auch seine Situation schwieriger werden, obwohl man ihm nichts anhaben konnte. Eine Durchsuchung seiner Studentenbude lieferte keine Beweise gegen ihn. Da aber immer mehr Mitstreiter seiner Darmstädter Abteilung der „Gesellschaft der Menschenrechte“ verhaftet wurden, entschloss er sich im Februar 1835, zu Minna nach Straßburg zu fliehen.

Während der Arbeiten an seinem neuen Drama über den einfachen Soldaten Woyzeck starb Georg Büchner am 19. Februar 1837 in der Schweiz an Typhus.

Die als Dialog vorgetragene Lesung beschrieb sehr einprägsam das schwere Leben Büchners in einer von sozialen Ungerechtigkeiten geprägten Zeit. Sie wird sicher dem einen oder anderen Zuhörer Anlass zur Vertiefung seiner Kenntnisse gegeben haben.

 

Axel Rösler

 

 

Samstag, 02.11.13, 8.30 Uhr und 10.45 Uhr: Workshop „Vom Bericht zum literarischen Text“


Georg Büchner las in Straßburg einen Bericht des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin über Jakob Lenz. Dieser Krankenbericht, wie man heute sagen würde, war die Grundlage für seine Erzählung Lenz. Im Workshop von Maren Schönfeld und Dr. Christoph Zierath wurde anhand von Vergleichen untersucht, wie stark der Einfluss des Berichtes auf die Erzählung war.

Obwohl die Parallele zum heutigen Umgang mit Quellen (Stichwort: Plagiatsvorwürfe in der Wissenschaft) nicht Gegenstand des Workshops war, wurde doch von den Teilnehmern die fast wörtliche Übernahme von Textpassagen des Berichts in die Erzählung aufgezeigt und diskutiert.

Der Workshop war gut vorbereitet und lieferte den Teilnehmern einen Einblick in die Entstehungsgeschichte einer Erzählung des für die deutsche Geschichte so wichtigen Autors Georg Büchner. Zeitweise nahm er den Charakter einer universitären Vorlesung an, was sicherlich der wissenschaftlichen Ausbildung der Leiter anzurechnen ist.

Zum Schluss wurden die Teilnehmer aufgefordert, mit eigenen Worten eine solche Wanderung durch Nacht und Kälte zu beschreiben, mit der in Büchners Erzählung der psychische Zustand des Jakob Lenz beleuchtet wird.

 

Helmut Schröder

 

 

„Weitergehen! weiter, weiter! – Mein Gott, was will ich denn hier in diesem unsäglichen kalten nassen Gebirge! Wie konnte ich mich nur darauf einlassen?! Wer hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt? Ich sollt’s doch noch mal versuchen; sie hätt’ ja vielleicht doch was für mich übrig … Der Oberlin war’s – oder war er’s nicht? War ich’s selbst – geträumt, gestern Nacht? Oder heut Morgen über mich gekommen: Im eiskalten Wasser des Brunnens, wie’s da plötzlich schrie in mir: Raus, raus hier aus dieser Kälte! Und jetzt – noch schlimmer ist’s ja jetzt in diesem unheimlichen Wald und Gebirge, nimmt ja kein Ende – wie komm’ ich hier raus – wird’s nicht auch schon dunkel? Ist das überhaupt der richtige Weg? Wer hat denn gesagt, ich müsst’ über einen Berg, dann würd’ ich’s schon finden. Ja, was denn eigentlich? – Ich muss mich jetzt erst mal ausruhen. Hier, leg dich hin, schön ins weiche Moos … Auf mich zukommen lassen einfach alles erst mal … Schau doch, wie die Wolken fetzen! Ist das Sturm? Gibt’s ein Wetter? – Oder ist das Rauschen in mir selbst drin? –  Hilfe! – Hab’ ich jetzt laut gerufen? Oder schreit das in mir? …“


Achim Janke

 

 

Samstag, 02.11.13, 8.30 Uhr und 10.45 Uhr: Workshop "Dimension des Dunkeln - Werkzeuge für die Entwicklung komplexer Antagonisten"

 

Genau fünfzehn Minuten blieben uns, um nach Beendigung des ersten Workshops zum nächsten zu eilen. Schon unterwegs kamen mir die Kolleginnen und Kollegen entgegen, denen es genauso ging wie uns, nur in umgekehrter Richtung.

 

Strahlende Gesichter, verklärte Blicke, ausschließlich positive Kommentare. Schnell hingeworfene Sätze wie „Mensch, war das toll!“ bis hin zu „Ihr Berliner habt es wirklich drauf“ ließen erahnen, dass uns zwei spannende Stunden erwarteten.

Als Einstieg in das Thema hatten sich Jordan Wegberg und Thomas Hohn etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Der Workshop begann mit einer etwa fünfminütigen Theaterszene aus Goethes Faust, bei der Faust und Mephisto einander erstmals begegnen und ihren Pakt schließen.

 

Ausgehend von dem Büchner-Zitat „Was ist das, das in uns lügt, mordet und stiehlt?“ war anschließend aktive Mitarbeit angesagt. Nach der literarischen Interpretation des Wortes „Bösewicht“ und der Erläuterung der unterschiedlichen Arten von Antagonisten sammelten die Teilnehmer alle Eigenschaften, die aus ihrer Sicht einen solchen kennzeichnen. Logisch, dass zunächst alles Negative aufgeschrieben wurde.

Allerdings kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass auch ein böser Antagonist durchaus über positive Seiten verfügen sollte, um den Inhalt der Geschichte spannend zu gestalten. Die Ausgestaltung des Antagonisten ist, ebenso wie die Figur des Protagonisten, abhängig vom Genre sowie vom Plot des Autors.

 

Der Schwierigkeitsgrad für einen Autor liegt somit darin, unter anderem Folgendes zu bedenken: Das Kräfteverhältnis zwischen Protagonist und Antagonist muss in etwa gleich stark sein, der Antagonist behindert die Zielerreichung des Protagonisten auf die unterschiedlichste Art, und das Handeln des Antagonisten muss verständlich und nachvollziehbar sein. Die gemeinsam erarbeiteten Punkte wurden aufgeschrieben und in Gruppen geordnet: Eigenschaften, Formen und Typologien.

Dann wurden Fragen zur Diskussion gestellt, mit denen niemand gerechnet hatte. Muss der Antagonist eigentlich immer ein Mensch sein? Von den meisten Teilnehmern war eine andere Variante bisher nie richtig in Betracht gezogen worden, wie anhand der hitzigen Debatte leicht zu erkennen war, und wir alle lernten dazu, dass durchaus auch ein Tier oder ein Naturereignis als Antagonist wirken kann. Allerdings fiel es den meisten Teilnehmern immens schwer, beim Aufzählen der Beispiele den Antagonisten von einer Person abzutrennen.

 

Der nächste Diskussionsstoff: Kommt man beim Schreiben eigentlich auch ganz ohne Antagonisten aus? Auch hier gab es eine rege Beteiligung und viele Denkanstöße. In einem waren sich alle einig: ohne Antagonisten gelingt es nicht, spannend zu schreiben. Auch über den Punkt, ob der Protagonist sowie der Antagonist überhaupt eine Entscheidungsfreiheit haben, wurde diskutiert, ohne dass eine allgemein gültige Antwort erzielt oder angestrebt wurde.

Zum Schluss bekam jeder Teilnehmer die Aufgabe, einen kurzen Text aus der Perspektive eines dem Antagonisten nahestehenden Menschen zu schreiben. Einige Beispiele für die Ergebnisse dieser Übung finden sich weiter unten.

Wohl kein Teilnehmer hat diesen Workshop ohne neue Einsichten, Ideen und Anregungen verlassen. Die beiden Workshopleiter waren hervorragend vorbereitet, was nicht nur an der verteilten Literaturliste zu erkennen war. Sie hatten ihren gut strukturierten roten Faden, mit dessen Hilfe sie die Inhalte mit den Teilnehmern zusammen erarbeiteten. Jeder konnte sich einbringen, alle wurden ernst genommen, kein Einwand blieb unbeantwortet. Ich ging mit dem Gefühl zum Mittagessen, viel erarbeitet und eine Menge gelernt zu haben, und ich habe unter allen Teilnehmern nicht eine Person erlebt, der es anders ging.

 

Ein großes Dankeschön an Jordan und Thomas, sie haben uns gezeigt, was einen guten Workshop ausmacht. Im Geiste schreibe ich bereits an einer Dreiecksgeschichte: Ein Protagonist und zwei Antagonisten in Form einer Person und eines Gegenspielers …

 

Inge Beer

 

 

Übung zum Workshop „Dimension des Dunklen“: Verfassen Sie einen Text aus der Perspektive eines nahen Angehörigen, eines Freundes oder eines/einer Geliebten des Antagonisten!

 

Jetzt haben sie meinen Jungen abgeholt. Weil er nicht von seiner Liebe lassen konnte. Er wollte ihr doch so gerne erklären, worum es ihm geht. Dass er sich ungerecht behandelt fühlt von ihr und dass sie auch ihre Liebe zu ihm wieder zulassen kann. Sie hatte ein falsches Bild gehabt, und das wollte er geraderücken. Er ist so ein braver, pflichtbewusster Sohn. Geht mit mir am Sonntag zum Mittagessen, spazieren und ins Café. Dass er ihr in die Wohnung gefolgt ist und sie festgebunden hat, damit sie ihm endlich mal zuhört, war wohl zu viel. Aber wenn er sie doch liebt …?

 

Roswitha Borrmann

 

 

Er hat es wieder getan.

Der Kaffee dampft und ist nötig. Eine Kerze? Ach, muss nicht. Es bleibt mir ja nur diese knappe halbe Stunde, bevor es mit der Arbeit weitergeht.

Großmutters Silberlöffel klimpert im Porzellan.

Und er hat es wieder getan.

Kein Reiß-dich-zusammen und Denk-doch-mal-nach hat geholfen, als wir zusammenlagen, zwischen den Laken Haut an Haut, und ich seinen Herzschlag fühlen konnte. „Es ist zu gefährlich“, drang ich in ihn und fischte nach dem langen Ende der Decke. Vielleicht liebe ich ihn am Ende für nichts mehr als das entschiedene: „Ich kann nicht anders. Das weißt du doch.“ Der Mutige, Tollkühne, Verwegene.

Ich rücke das Kissen in meinem Rücken zurecht und lege die Beine hoch.

Immer muss ich an ihn denken.

„Was soll werden, Edward?“, habe ich ihn gefragt. Aber er musste es sagen und schreiben, hinaustreten damit ins Licht, legt sich an mit den Mächtigsten aller Großen, Obama und der ganzen Welt.

Und unser Kind – wird es einen Vater haben?

 

Christine Korte

 

  

Ich weiß, er ist manchmal etwas bissig. Manche finden das scharf. Na, ich fand schon immer, er spielt sich auch ein bisschen auf damit. Weit reißt er das Maul auf und wirkt dann fürchterlich. Kreischend suchen die Menschen das Weite. Ist auch besser für die. Denn er ist ein angriffslustiger Zeitgenosse, mein Bruder. Da bleibt schon mal das eine oder andere Bein hängen, das bleibt ja gar nicht aus. Er wird leicht nervös, wenn ihm die Menschen in ihrem unersättlichen Freizeitgebaren zu nahe kommen. Johlende Jugendliche, zeternde Eltern und quietschende Kinder auf Gummireifen. Kann man auch irgendwie verstehen, oder nicht? Es ist zum Verrücktwerden manchmal. Haben Sie sich so einen Strand schon mal mit Verstand angesehen? Tropfende Eistüten, Bälle, die über Volleyballnetze hinweg auf Bäuche klatschen, ganze Hundertschaften immer gleicher Sandburgen sowie nahezu kopulierende Paare ohne jedes Schamgefühl. Bademoden und Baseballkappen aller Couleur machen den Anblick nicht eben einfacher. Und da ist mein Bruder empfindlich.

Mich wundert es nicht, dass er bisweilen ausrastet. Dabei ist er ein netter Gesell, und ich mag ihn im Grunde sehr.

Trotzdem sage ich ihm das immer wieder, dass er schon mehrfach eine verdammt schlechte Presse hatte nach solchen Aktionen. Halb zerfetzte Kinderleiber, einzelne Gliedmaßen zwischen sommerblauen Badewellen – das macht die Menschen einfach irgendwie nervös. Und dann drehen sie richtig auf.

Manchmal wird dann mit Harpunen auf uns geschossen. Aufgeregte Motorboote jagen mit gequälten Motoren hinter uns her auf die offene See. Und was bringt’s? Gegen meinen Bruder hat noch niemand gewonnen.

Trotzdem habe ich oft ein bisschen Angst um ihn.

Wenn das unsere Mutter wüsste.

 

Christine Korte

 

 

Liebe Karin,

ich verstehe es nicht und bin total verzweifelt. Natürlich ist es unumstritten, dass dein Bruder seinen Untergebenen einiges abverlangt, aber es bedrückt mich zu hören, dass die gesamte Belegschaft ihn des Mobbings bezichtigt und meint, er wäre nur machtgeil. Warum wird ihm zum Vorwurf gemacht, dass er etwas erreichen will? Du weißt doch, wie er alles mit uns teilt, wie fürsorglich er mit uns ist und wie liebevoll er mit deinen Kindern umgeht. Das kann man doch nicht als machthungrig bezeichnen. Unabhängig davon kenne ich ja einige seiner Mitarbeiter. Die wollen ihm nur Böses. Frau Meier von nebenan kenne ich schon, seit ich denken kann, einen schlimmeren Giftzahn als die gibt es gar nicht. Und ausgerechnet die ist die Anführerin, und der glaubt man.

 

Inge Beer

 

  

Abra katabra, sim sala bim, 

mein Ehemann ist überhaupt nicht schlimm. 

Ich kann gerne seinen Namen nennen – 

die meisten von euch werden ihn sowieso kennen. 

Als Kasperls Widersacher ist er bekannt, 

wird „Tintifax“ genannt. 

Im echten Leben ist er der Gute, Kühne, 

den Bösen gibt er nur auf der Bühne.

 

Sepp Graßmugg

 

 

 

 

Samstag, 02.11.13, 14.30 Uhr: Besichtigung des Klosters Medingen

 

Feuer! Flammen schlagen aus einer Zelle, hinter uns fällt die Klosterpforte ins Schloss. Dicker Qualm und Rauch erfüllen den Flur, Rufe hallen von den steinernen Wänden wider. Menschen hasten durch den Rauch, Stiftsfrauen und helfende Dorfbewohner packen an, retten kostbare Schriften, löschen. Die Äbtissin steht aufrecht wie eine Kapitänin auf einem sinkenden Schiff, befiehlt, weist an, ordnet. Ihre Stimme strahlt trotz des Chaos Ruhe und Selbstbewusstsein aus.

Durch die Qualmschwaden kommt uns eine Stiftsdame sicheren Schrittes entgegen. „Meine Güte, was machen Sie denn hier? Folgen Sie mir bitte, hier entlang.“ Wir hasten ihr hinterher in einen kleinen Raum. Als sich die schwere Mooreichentür hinter uns schließt, atmen wir überrascht auf. Frische Luft, von dem Feuer und Krach hinter uns ist nichts mehr zu hören. Irritiert schauen wir uns um.

„Bitte entschuldigen Sie“, wendet sich die elegante Stiftsdame an uns, „da sind Sie versehentlich mitten in das Brandgeschehen von 1781 geraten. Erst einmal herzlich willkommen. Wenn Sie mögen, folgen Sie mir doch bitte ins Scriptorium des 15. Jahrhunderts.“

Wir schauen irritiert auf die Tür zurück, durch die wir uns gerade gerettet haben. 1781?

„Was ist denn mit dem Feuer?“, wagen wir zu fragen.

„Das Feuer? Ach so, die kommen schon klar“, erwiderte die Dame mit einem Augenzwinkern. „Sie werden das Kloster wieder aufbauen, und es wird sogar noch schöner werden.“

Wir schauen uns fragend an, aber die Stiftsdame drehte sich bereits mit elegantem Schwung um und öffnet eine weitere Tür.

Leises Schaben von spitzen Federn auf Pergament dringt zu uns herüber. Als wir neugierig folgen, öffnet sich vor uns ein großer Saal. Viele Frauen stehen hier an Tischen, arbeiten, malen, schreiben. Kunstvolle Bücher liegen auf den Pulten, und mit einer ungewöhnlichen Präzision werden kostbare Werke vervielfältigt und die Buchstaben auf filigranste Weise entworfen. Die Zisterzienserinnen sind so konzentriert bei der Arbeit, dass sie uns nicht zu bemerken scheinen. Staunend stehen wir in dem lichtdurchfluteten Raum.

 Eine Glocke unterbricht die Stille. Es wird zum Gebet gerufen, und wir suchen ebenfalls unseren Weg Richtung Kirche. Es müssen über hundert Schwestern sein, die hier leben und die jetzt ruhig an uns vorbeiziehen.

Wir folgen dem Wink unserer sympathischen Begleiterin und finden uns in einem kleinen Gang abseits der Nonnen wieder. „Sie befinden sich hier am Ende des 15. Jahrhunderts“, erklärt die Stiftsdame, als ob es selbstverständlich sei. „Das Kloster existiert an dieser Stelle bereits seit 1323 und ist seit Anfang an auf das Engste mit dem nahe gelegenen Dorf Bad Bevensen verbunden. Die Schriften, die Sie vorhin sehen konnten und die von den Frauen kunstvoll erstellt werden, gehören zu den ungewöhnlichsten Kunststücken des Mittelalters. Es heißt, dass es keinen Ort gäbe, an dem so viele Schriften von Frauen das Auf und Ab der Geschichte überstehen werden wie hier in Medingen. Im Übrigen wird hier auch musiziert. Viele Stücke, die einst in diesen Räumen komponiert wurden, werden auch noch in Ihrer Zeit bekannt sein. Dieser Ort ist ein Zentrum der Kultur und der Kunst.“

Eine mächtige Frauenstimme dringt aus einer Zelle auf den Gang: „Unser Kloster soll protestantisch werden? Nur weil der Herr Herzog einst Luther traf? Niemals!“

„Ups“, sagt die Stiftsdame. „1524, das Stift wird sich noch 30 Jahre dagegen wehren. Danach allerdings wird es evangelisch und bleibt es bis in Ihre Zeit.“

Als sie die nächste Tür öffnet, befinden wir uns mit einem Mal auf der Empore einer runden Kirche. Unter uns sind 24 Plätze für Stiftsdamen vorgesehen, ein Platz ist frei.

Wir schauen uns an. Sind wir noch im selben Gebäude? Von der Mauerstruktur des alten Klosters ist nichts mehr zu erkennen. Es wirkt eher wie ein Bau des 18. Jahrhunderts, frühklassizistisch, aber dennoch leicht und klar in der Form. Wo ist das ehemalige Kloster? Wo sind die vielen Frauen?

 Die Dame, die uns so charmant durch die Räume führt, löst unsere Verwirrung auf. „Im Jahre des Herrn 1781 wurde das Kloster nach dem Brand, dessen Zeuge Sie ja waren, komplett neu erbaut, und nach nur acht Jahren stand das neue Gebäude mit Platz für 24 Stiftsdamen. Dies ist bis heute so geblieben, und wir evangelischen Stiftsdamen bilden den Konvent“, erklärt die feinsinnige, selbstbewusste Dame.

Als wir am Ende der Führung das Kloster Medingen verlassen und unsere Füße den Staub der Erde berühren, sind wir nicht ganz sicher, ob wir nun auch im richtigen Jahrhundert gelandet sind. Erst als wir wieder das Seminarhaus erreichen, glauben wir, in der richtigen Zeit und bei der Tagung des FDA angekommen zu sein.

 

Thomas Hohn

 

 

Samstag, 02.11.13, 16.30 Uhr: „Woyzeck“ – Auszug aus Büchners Bühnenstück in einer Leseaufführung


Die Lesung von dreiundzwanzig Szenen aus Georg Büchners Woyzeck, verbunden mit Text aus dem Libretto zu Wozzeck von Alban Berg, war zweifellos ein Highlight der Veranstaltung, und das aus mehreren Gründen:

 

An erster Stelle steht die großartige Leistung der Akteure. Unter der Moderation von Dietrich Garstka lasen Joseph Graßmugg (Woyzeck), Ruth Barg (Marie, Käthe, Kind) und Hans Bäck (Hauptmann, Doktor, Tambourmajor, Andres). Dabei waren es nicht nur Dichte, Steigerung und Variabilität des Vortrags, die überzeugten, sondern auch die Rollenverteilung und das Konzept.

 

Denn Woyzeck wird hier ernst genommen als kraftvoller Kerl, der erst durch die Untreue seiner Marie gebrochen wird und nicht von Anfang an seiner sozialen Umwelt hilflos ausgeliefert ist. Dieser Stimme eines Menschen, der kämpft und unterliegt, ordnen sich in der Lesung alle anderen Figuren bewusst unter, auch die Vertreter der Obrigkeit.

 

Realitätssinn, Kritikfähigkeit, Zärtlichkeit und Schmerz drücken sich in dieser Stimme aus, und zum Schluss das hilflose Wüten eines tief Verletzten. Weder die Phrasen von Hauptmann und Doktor noch die Gedankensplitter und Bilder, die Woyzeck selbst äußert, können oder sollen die Leerstellen füllen: Warum wird einer so? Was geht in ihm vor? Was hätte ihn und Marie retten können? Was hält einen Menschen am Leben? Jeder Mensch ist ein Abgrund.

 

Renate Gutzmer

 

 

Samstag, 02.11.13, 20 Uhr: Büchervorstellung von Autor(inn)en aus verschiedenen Landesverbänden


Acht Autorinnen und Autoren des Freien Deutschen Autorenverbands präsentierten eigene Bücher oder in ihrem Landesverband erschienene Anthologien, wozu jedem acht Minuten Zeit zur Verfügung standen. Eine clevere Unterstützung bei der Einhaltung dieser Begrenzung war ein Signalton, der nach jeweils sieben Minuten an die zu Ende gehende Redezeit erinnerte und seine Wirkung nicht verfehlte.

Bedauerlich war, dass keiner der Autoren erwähnte, wann und in welchem Verlag das präsentierte Buch erschienen ist. So blieb ungewiss, ob es sich um aktuelle Neuerscheinungen oder ältere Titel handelt und ob sie im Selbstverlag erschienen oder in jeder Buchhandlung verfügbar sind. Auch die Frage, welchem Landesverband die jeweiligen Schriftsteller angehören, wurde nicht geklärt.

 

Regina Schreiner stellte ihren Roman Die Vergeblichkeit der Liebe vor, die Geschichte einer Freundschaft zwischen Margaret und Britta. Die alte Dame bittet die deutlich jüngere Freundin um Hilfe, worauf diese mit Mann und Kind zu ihr zieht, um sie zu betreuen. Während Brittas kleiner Sohn mit der strengen und missbilligenden Margaret keine gemeinsame Ebene findet, müht Britta sich, es allen recht zu machen.

Die von Regina Schreiner gelesene Passage aus dem Buch machte die Problematik, die nicht zuletzt auch als Konflikt der Generationen verstanden werden darf, sehr deutlich und endete schließlich in einer makaber-drastischen Szene, die dem Text eine heitere Schlussnote verlieh.

 

Eine völlig andere Zielsetzung verfolgt Helmut Hannigs kunstvolles Werk Lektyrische Artefacte. Schon der Titel deutet auf Außergewöhnliches hin, und tatsächlich fällt es schwer, dieses Buch einem Genre zuzuordnen. Hannig hat sich bei der Konzeption unter anderem vom Alphabet sowie von Begriffen aus dem Wahrig-Wörterbuch leiten lassen, die ihm besonders gefallen. Zu jedem Buchstaben des Alphabets gibt es ein im Holz- oder Linolschnitt hergestelltes Künstlerporträt (bei B beispielsweise Bertolt Brecht), das durch die Handschrift des Abgebildeten ergänzt wird. Dazu kommen eigene Texte Hannigs, die von den erwähnten Wahrig-Wörtern inspiriert wurden.

Faszinierend ist jedoch nicht nur das höchst individuelle Konzept, sondern auch die enorm hochwertige handwerkliche Gestaltung des Buches. So sind die Künstlerporträts auf Pergament gedruckt, durch das die jeweilige Handschrift durchschimmert. Das aufwendige Herstellungsverfahren macht Lektyrische Artefacte zu einem wertvollen Baustein jeder bibliophilen Sammlung.

 

Claus Irmscher hat seine Reiseeindrücke unter dem Titel Durch die dänische Südsee zusammengefasst. Er selbst bezeichnet dieses Buch als literarische Reisereportage. Sein Textauszug machte deutlich, wie das zu verstehen ist. Darin wurde zunächst von Bertolt Brecht im dänischen Exil erzählt. Im Anschluss folgten die eigenen Erlebnisse und Eindrücke des Autors bei seiner Reise auf Brechts Spuren.

 

Ursula Henriette Kramm Konowalow las aus ihrem Erzählband Bogensprünge, der vierzehn Erzählungen vereint und an dessen Gestaltung Hannelore Hoffmann von der Märkischen Lebensart aktiv mitgewirkt hat. Die Illustrationen stammen von Harms Bellin.

 

Eine Anthologie des Landesverbands NRW in Zusammenarbeit mit der Literarischen Gruppe Osnabrück stellte Manfred Luckas vor. Ihr Titel: Kafka – ein Doppelgänger zwischen den Welten. Anlässlich des 130. Geburtstags des Prager Schriftstellers sind hier 30 Lyrik- und Prosabeiträge „im Geiste Kafkas“ vereint. Das Vorwort schrieb Dietrich Garstka. Zwei Textbeispiele – beide aus dem Bereich der Lyrik – machten deutlich, auf welch unterschiedliche Weise die Beteiligten sich dem Phänomen Kafka genähert haben – und dass dies sogar unerwartet humoristische Ergebnisse zeitigen kann.

 

Ganz ohne Textauszüge kam Joachim Dieter Schulze bei der Präsentation seines Romans Paul aus. Stattdessen erzählte er, dass der Anlass für dieses Buch seine Beschäftigung mit der Frage nach den Motiven von Selbstmordattentätern gewesen sei. Schulze hält beispielsweise das Erschöpfungssyndrom (speziell bei Leiharbeitern) für einen psychologischen Auslöser.

Im Roman wird geschildert, wie der Pensionär Paul seine frühere Geliebte Miriam in ihrem amerikanischen Exil besucht, um an vergangene Zeiten anzuknüpfen. Außerdem wird von Sascha erzählt, einem jungen Mann mit Migrationshintergrund und Gefängnisvergangenheit, der sich durch Schleuser in die USA bringen lässt, wo er dann ins Zuhältermilieu gerät und am Ende zum Selbstmordattentäter wird. Inwiefern diese beiden Handlungsstränge miteinander verknüpft sind, blieb ebenso offen wie die Frage, ob auch Sascha Anzeichen eines Erschöpfungssyndroms aufweist. Dafür verriet Schulze, dass er seinen Roman dem Philosophen Herbert Marcuse gewidmet hat.

 

Schon zum zweiten Mal hat die seit 2007 existierende Kinder-Autorenwerkstatt des Landesverbands Sachsen-Anhalt eine Anthologie herausgebracht, diesmal unter dem Titel Hamster lieben Geschichten. Sigrid Uhlig stellte einige Texte daraus vor, deren Verfasser zwischen 9 und 14 Jahren alt sind.

 

Inge Beer präsentierte ihr Buch Von Ende bis Anfang, das von der Projektarbeit mit Vorschulkindern zum Thema Tod berichtet. Hierbei wurde ein ganz spezieller Arbeitsansatz verfolgt. Statt ihre Fragen sofort zu beantworten, forderten die Pädagogen die Kinder auf, eigene Erklärungen zu finden. Dann wurden die Fragen notiert, und man begab sich auf die Suche nach Experten – im vorliegenden Fall waren dies ein Pfarrer, eine Friedhofsgärtnerin, ein Mitarbeiter des Friedhofsamtes und ein Steinmetz.

Die Textprobe machte deutlich, wie originell, witzig, fantasievoll und erfindungsreich Kinder mit alltäglichen Fragestellungen umgehen – und wie viel Erwachsene von ihrer unbekümmerten Herangehensweise lernen können. Das vermeintliche Tabuthema Tod erwies sich dank dieses unkonventionellen Verfahrens als Bereicherung für alle Beteiligten.

 

T. A. Wegberg

 

Sonntag, 03.11.13, 9.30 Uhr: Vortrag/Rückblick mit Bezug auf Büchner, den „Dichter der Sprachlosen“


Hans Bäck gab seinem Vortrag den Titel: Georg Büchner – der Dichter der Sprach-losen. Man denke dabei, begann er, sofort an den Woyzeck als Inbegriff eines wort-losen Menschen: „Woyzeck fehlen die Worte angesichts des Verrats der Marie.“ – Ob denn aber „wortlos“ auch gleichzusetzen sei mit „wertlos“?

Dazu der Verweis auf einen Brief Büchners von 1833, in dem er auf die Unfähigkeit der Deutschen zu einer Revolution zu sprechen kommt: "Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen." Noch Kleist (25 Jahre zuvor) habe geschrien (und allenthalben Zustimmung geerntet): "Schlagt ihn tot!" [Gemeint die Herrschaft unter Napoleon in deutschen Landen.]

 Aber seither – seit der Wende (Stichwort: Wiener Kongress) – habe die Jugend ihre Entschlusskraft verloren – und später, nach der Paulskirche, erneut. In Hessen – Büchners Heimat – hatten vor allem die Bauern die Zeche zu zahlen: zunehmende Abgaben, verstärkte Verarmung; die einzige produktive Schicht im Großherzogtum waren die Handwerker. Nicht auf Revolutionierung der Verhältnisse war man aus, nur auf Durchsetzung der Grundrechte, so beschränkt auch immer diese waren.

Materiellen Druck beseitigen – das war der Boden, aus dem der Hessische Landbote erwuchs. Büchners Zusammenarbeit mit Weidig – nicht unproblematisch: Weidig war bemüht, den Landboten mit Bibelsprüchen zu versehen. „Dieser Hessische Landbote – Vorbild für viele Folgeschriften – wäre ein wunderbares Schwert zum Draufhauen gewesen.“ Diese Hoffnung habe sich zerschlagen. Die Deutschen erwiesen sich als fähig zum Ertragen größten Unrechts.

Mit Dantons Tod, dem Drama über das Scheitern einer Revolutionsmacht, sei Büchner zum Dichter geworden. Wahl des Danton (als Zentralfigur), mit dessen Stimme er die Wortlosen wiedergeben konnte. In eine ferne Zukunft projiziert: Habe Büchner schon das Scheitern der Achtundsechziger vorausgeahnt?„Sind die Schriftsteller Visionäre, die die Zukunft vorausahnen? Oder sind sie Hinweisende, die den Finger in die Wunden legen? Diagnostiker, nicht Therapeuten.“

Büchner – Dichter der Wortlosen, wirklich? Bei Leonce und Lena könnte man zweifeln. Sie redeten und redeten ja fast pausenlos. Doch seien es lauter Nebensächlichkeiten. – Im Woyzeck: Plattheiten, Drumherumreden, vom Hauptmann, vom Major, auch von Marie und W. Ihnen allen (auch Andres, Karl dem Narr u. a.) fehlten die Wörter (!).

Büchner – der Erste, der, als Dichter, das schlimme Los der Menschen schildere, es als Massenschicksal anerkenne und hinterfrage.

Rekurs auf ’68: Was blieb? Nur die sexuelle Revolution? „Die Arbeiter von ihrem schrecklichen Schicksal befreien?“ Auf solche Ambitionen der Achtundsechziger schallte ihnen ein „Geht doch in den Osten!“ aus den Massen der westdeutschen Bevölkerung (Berlin!) entgegen. Diesen Fatalismus habe Büchner angesprochen, auch für unsere Zeit gelte das, auch mit Blick auf die Geschehnisse der letzten Jahre rund ums Mittelmeer.

 

Dagegen ’68 in der DDR: Frau Prof. Nagelschmidt dazu: „Wir Ostfrauen haben auf den Westen geguckt wegen der Bewegungen von unten, z. B. Feminismus. Für die Nomenklatura aber war ’68 ‚das Böseste, was im Westen heranwächst’.“ – Für die nächste Zukunft bleibe die Frage, welche sozialen Verschiebungen wir wohl über uns ergehen lassen müssen. Mit Blick auf die Funktion der Literatur: „Literatur muss eingreifen können!“ sei immer wieder in ihren Gesprächen in Südamerika (Brasilien!) hervorgehoben worden. – Sie verwies in diesem Kontext auch auf die Bedeutung Sartres im Kampf gegen den Faschismus.

Zurück zu Büchner: Hessen-Darmstadt gehörte zu den ärmsten Ländern in Deutschland, hart getroffen auch durch Missernten und schwere, massenhaft verbreitete Krankheiten. Und während man die „alte Welt“ auf dem Wiener Kongress habe tanzen und genießen sehen, sei in den industriellen Zentren zugleich das moderne Proletariat entstanden, habe die Zeit der ganz bewussten Entfremdung des Menschen begonnen. Bei Büchner in seinem Lenz erkennten wir die Kategorie des Scheiterns; später, bei Naturalisten, Expressionisten u. a., sei die Rolle der Intellektuellen und das Thema Sprachlosigkeit in den Blick gekommen. 1989 dann auf breiter Front: „Wir sind das Volk!“

Hans Bäck: „Unser Werkzeug ist die Sprache. Doch haben wir oft nur eine sehr ‚abgewandte Sprache’. Ist denn die Problematik in der Welt (Beispiel: Erschütterung durch den Finanzkapitalismus) nicht wert, angesprochen zu werden?“ Er verwies in diesem Zusammenhang auf die in Teilen sehr bewusste österreichische Literatur, etwa Wendelin Schmidt-Dengler, Ingeborg Bachmann, Hilde Spiel, Robert Menasse. Schmidt-Dengler habe sich engagiert im Kampf gegen die Ordinarienuniversität, gegen den Versuch des Abbaus der Mitbestimmung von Studenten.

In Einbeziehung des Auditoriums wurde dann nochmals angesprochen: Der Kampf um Sprache dürfe nie aufhören; es gelte, wehrhaft zu sein gegen Tendenzen, sprachlos gemacht zu werden durch Eltern, Erzieher, Lehrer, Professoren. Ein Teilnehmer erhob Einspruch gegen das Diktum der vorgeblichen Sprachlosigkeit Woyzecks. Dieser sei keineswegs sprachlos gewesen. „Er hatte seine situationsadäquate Sprache … Sprach-konzentration auf das Wesentliche.“ Ein anderer: Die Achtundsechziger und ihre Sprache: Statt weiterführender Sprache sei zunehmend ein Abgleiten in Phraseologie bei ihnen feststellbar. „Man redete an der Wirklichkeit vorbei.“

Was also sei geblieben von ’68, wurde gefragt – und geantwortet: Zwar sei die Bewegung kläglich gescheitert (von ihrem Anspruch her gesehen), auch mit Blick auf die Sprache: Der „Wortwasserfall“ als Ausdruck einer gesellschaftlichen Hilflosigkeit – so wie in Leonce und Lena, wo er auch Ausdruck einer kläglichen Gesellschaft sei.

Zuletzt der Hinweis von Birgit Freund darauf, dass bei der heutigen Jugend eine neue Sprachlosigkeit zu beobachten sei, ein Verfall, Abdriften in inhaltsarmen Jargon, in ein Sich-gehen-Lassen. – Eine letzte Wortmeldung: „Nach Snowden brauchen auch wir bei uns einen neuen Büchner.“

 

Achim Janke

 

Aktuell:

Autorenkongress Birkenwerder 2017

Oliver Guntner vom FDA Thüringen hat einen ausführlichen Bericht über unseren Autorenkongress 2017 verfasst und mit Fotos zu einer lebendigen Erinnerung ergänzt. Herzlichen Dank dafür! 

FDA - der Film!

Druckversion Druckversion | Sitemap
© FDA Berlin