Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.
Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.

Jahrestagung des FDA in Hofgeismar, 9. bis 11. November 2012

Ein Bericht von T. A. Wegberg mit Fotografien von Birgit Burkey, Josef Graßmugg und T. A. Wegberg

Rund 50 FDA-Mitglieder aus allen Landesverbänden trafen am Freitag, dem 9. November, in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar zu ihrem jährlichen Treffen zusammen. Diesmal fand es nicht in Form eines Kongresses mit externen Rednern statt, sondern es wurden Workshops und Vorträge aus den eigenen Reihen angeboten. Dieses Konzept erscheint sinnvoll – schließlich ist ein Autorenverband geradezu prädestiniert, um als Multiplikator des Wissens und der Fertigkeiten Einzelner zu dienen.

 

 

Begrüßung und Festrede von Frau Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt

Die Tagung begann am Freitagabend um 18.30 Uhr mit einer Begrüßungsansprache des ehrenamtlichen Ersten Stadtrats der Stadt Hofgeismar, der in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters erschienen war. Als nicht gebürtiger Hofgeismarer bewies er genau die richtige Mischung aus kritischer Distanz und freundlicher Wertschätzung für die Stadt mit ihren 16.000 Einwohnern und der – nicht ganz unproblematischen – wirtschaftlichen Abhängigkeit von vier großen Arbeitgebern.

 

Gleich im Anschluss folgte die Festrede von Frau Prof. Ilse Nagelschmidt, der FDA-Präsidentin, in der sie sich mit der Gruppe 47 und der Frage auseinandersetzte, ob Autoren gruppenfähig sind – ein Thema, das in den folgenden Tagen noch des Öfteren seine Aktualität beweisen sollte.

 

Die Gruppe 47 entstand ursprünglich aus der Arbeit an einer Zeitschrift, für die es im Nachkriegsdeutschland keine Publikationslizenz gab. Stattdessen lud Hans-Werner Richter auf regelmäßiger Basis verschiedene Autoren ein, von denen jeweils einer aus seinen Werken las. Die anderen durften anschließend daran Kritik üben, ohne dass dem Autor eine sofortige Stellungnahme erlaubt war. Vorgestellt wurden ausschließlich Prosatexte und Lyrik, die einzige Ausnahme bildete ein Essay von Alfred Andersch. Zu den damals teils noch gänzlich unbekannten Autoren dieser Gruppe zählten unter anderem Paul Celan, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Günter Grass.

 

Nach einem längeren Exkurs über das Thema „Faschismus in der Beziehung“ bei Ingeborg Bachmann sowie über eine Abhandlung von Sigmar Faust über Johannes R. Becher, Dichter der DDR-Nationalhymne und überzeugter Sozialist, berichtete Frau Prof. Nagelschmidt, dass Günter Grass eine Erzählung mit dem Titel „Gruppe 1647“ über Barockpoeten geschrieben habe. Inspiriert von der Gruppe 47, stellte diese zwar keine Schlüsselerzählung dar, würdigte jedoch das Lebenswerk von Hans-Werner Richter, der hier durch zahlreiche Parallelen in dem Barockdichter Simon Dach wiederzuerkennen ist.

 

Rituale zu erkennen und zu überprüfen, gemeinsam über Veränderungen nachzudenken und Lesungen sorgfältig vorzubereiten, statt sie zum Selbstzweck verkommen zu lassen – das alles stellte Prof. Ilse Nagelschmidt als typische Merkmale der Gruppe 47 dar, die auch für heutige Autorengruppen als sinnvolle und erstrebenswerte Richtlinien gelten können.

Gegen 20 Uhr wurde das von der Anreise teils noch recht erschöpfte Publikum dann in die abendliche Freizeit entlassen – mit dem Versprechen auf ein Abendessen, dessen Ausgabeort allerdings nur durch Gerüchte ohne Anspruch auf Richtigkeit kommuniziert wurde. Am meisten Erfolg versprach es wohl, der Schar der Hungrigen quer durch den weitläufigen, regennassen und in Dunkelheit gehüllten Park der Tagungsstätte zu folgen, an dessen Ende beleuchtete Fenster durchs herbstliche Geäst schimmerten. Und tatsächlich: Hier, weitab vom Wohn- und Tagungsgebäude und durch einen romantischen Teich von diesem getrennt, waren lange Tische weiß gedeckt, und allerhand Köstlichkeiten warteten in gewärmten Aluminiumwannen auf ihren Verzehr.

 

 

Jugendherbergsambiente verbreiteten Kannen mit Pfefferminztee und Krüge mit Leitungswasser, deren Inhalt allerdings nicht jede Form des Durstes zu löschen vermochte. Zum Glück wartete nach der Abendmahlzeit und dem verdauungsfördernden Rückweg durch den nächtlichen Park im Tagungsgebäude ein mit Bier und Wein (natürlich auch mit Limonade und Säften) gefüllter Kühlschrank auf die Autoren, die sich dort selbst bedienen und ihren Obolus in eine Kasse des Vertrauens legen konnten.

 

Viele nutzten die Gelegenheit zum Austausch mit Kollegen, die sie sonst selten zu sehen bekommen, und zum Knüpfen neuer Kontakte. Nachdem wir FDA-Mitglieder die Gruppenfähigkeit von Autoren zur Genüge bewiesen hatten, zogen wir uns nach und nach in unsere schlichten und dennoch komfortablen Zimmer zurück (das Fehlen von Fernsehgeräten wurde nur in Einzelfällen bemängelt).

 

Ab 7 Uhr stand das Frühstück jenseits des Parks bereit, und schon um 9 Uhr begannen die ersten beiden parallel stattfindenden Workshops.

Inge Beer und Wolfgang Weinkauf: Plotentwicklung und Figurenzeichnung

Zum Schreiben einer Geschichte oder eines Romans wird ein Thema benötigt, im Idealfall eines, das den Autor selbst interessiert und beschäftigt. Berühmte Vorbilder sind Henrik Ibsen mit dem Thema „Gesellschaftslüge“, Max Frisch mit dem Thema „Identität“ oder August Strindberg mit dem Thema „Geschlechterhass“.

 

Es geht aber auch weniger tiefschürfend, dazu genügen lediglich offene Sinne und ein gutes Gespür für die im Alltag verborgene Themenvielfalt. Erzwingen oder „ausdenken“ lässt sich ein Thema dagegen nicht.

 

Wie das gewählte Thema schließlich in den Text einfließt, kann ganz unterschiedlich sein: versteckt zwischen den Zeilen oder als wesentlicher Bestandteil der Handlung, wo es leichter zu identifizieren ist. Die Zahl der literarisch verhandelbaren Themen mag begrenzt sein, doch lassen sie sich mit neuen und frischen Perspektiven sowie durch die veränderlichen Rahmenbedingungen der Zeit praktisch uneingeschränkt variieren, ohne an Originalität zu verlieren.

 

Eine nützliche Übung ist es, eine alltägliche Begebenheit so niederzuschreiben, wie der Autor selbst sie erlebt hat und wie er sie einem Freund erzählen würde. Anschließend nimmt er eine ihm ganz fremde Perspektive ein – zum Beispiel die eines trotzigen Kindes oder einer exzentrischen Diva – und erzählt dieselbe Geschichte aus diesem Blickwinkel neu. Das Thema ist identisch, und doch sind zwei ganz verschiedene Texte entstanden. Hier liegt die Nahtstelle zum Plot.

 

Der Plot ist eine straffe Zusammenfassung der Handlung eines erzählenden Textes, der sich auf die inneren Zusammenhänge und Verknüpfungen der Ereignisse konzentriert. Ursache und Wirkung spielen eine entscheidende Rolle. „Zuerst starb der König, dann die Königin“ gibt zwar eine Handlung wieder, doch erst durch die kausale Verknüpfung entsteht daraus ein Plot: „Zuerst starb der König bei einem Jagdunfall, dann nahm sich die Königin aus Einsamkeit das Leben.“ Natürlich sind auch unzählige andere Varianten möglich: Aus einem einzigen Handlungsfaden können die verschiedensten Plots entstehen.

 

Ein dritter wichtiger Punkt für den erzählenden Text ist die Prämisse, eine Art „Moral“, also das, was der Leser aus der Geschichte oder dem Roman lernen kann. Im Falle der suizidalen Königin könnte diese Prämisse beispielsweise lauten: „Leg dein Glück nicht in die Hand eines einzigen Menschen.“ Oder alternativ: „Jeder Mensch hat zu jedem Zeitpunkt die Chance, sein Leben selbst zu bestimmen.“ Der Leser wird eine solche Prämisse nur ungern mit dem Holzhammer eingebläut bekommen, doch wenn sie geschickt in den Text eingeflochten wird, nimmt er sie als unausgeprochene Bereicherung für seinen eigenen Erfahrungsschatz mit.

Viel tiefer ins Detail des Autorenhandwerks geht schließlich das Thema Figurenzeichnung. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, einer Figur etwas Unverwechselbares zu geben, so dass sie dem Leser bildlich vor Augen steht, beispielsweise indem sie mit einer Schrulle oder einem Tic ausgestattet wird, der sie idealerweise interessant und unvergesslich macht. Dazu können bestimmte Gewohnheiten wie der Dauerkonsum von Kirschbonbons gehören, aber auch äußerliche Merkmale wie ein verknautschter Hut oder psychische Besonderheiten wie eine Wasserphobie.

 

Auch sprachliche Eigenheiten können zur Charakterisierung einer Figur nachhaltig beitragen, wobei Autoren sparsam mit der phonetischen Wiedergabe von Akzenten oder Dialekten umgehen sollten – für den Leser bedeutet deren Entzifferung oft viel Mühe und erweckt eher Widerstand als Leselust. Besser geeignet sind sprachliche Besonderheiten wie Wiederholungen – jeder zweite Satz endet mit „… oder?“ –, Verkürzungen, Wortverdrehungen und dergleichen.

 

Wichtig für die Figurenzeichnung ist auch ein ausgewogenes Verhältnis von Stärken und Schwächen. Ein ausschließlich guter, starker, hilfsbereiter und liebenswerter Protagonist langweilt schon nach wenigen Sätzen, ebenso wie ein durch und durch böser, verkommener, egoistischer Antagonist. Viel spannender lassen sich die Figuren charakterisieren, wenn jeder auch Anteile der „anderen Seite“ mitbekommt, wenn also der Held trotz aller Charakterstärke an keiner Konditorei vorbeigehen kann oder der Bösewicht nur nach der Weltherrschaft strebt, um sie an das von ihm adoptierte indische Waisenkind weitergeben zu können.

 

Abgerundet wurde der Workshop von Inge Beer und Wolfgang Weinkauf durch eine aufschlussreiche Übung: In wenigen Minuten sollten die Teilnehmer eine frei gewählte Figur charakterisieren, indem sie Herkunft und Familie, Bildung und Beruf, Aussehen, Lebenssituation, Sozialkontakte und Innenleben skizzieren.

 

Aus dieser Skizze sollte dann im Anschluss noch eine kurze Szene entstehen, die eine für diese Person typische Situation abbildet und in der ihre speziellen Merkmale deutlich erkennbar werden. Die Zeit reichte nicht aus, um alle Ergebnisse zu besprechen, doch schon die wenigen in der Runde vorgelesenen Texte boten reichlich Stoff für Diskussionen, und auch die Teilnehmer, deren Übungsergebnisse nicht besprochen wurden, haben von diesem sehr umfassenden und aufschlussreichen Workshop mit Sicherheit profitiert.

Dietrich Garstka: Kurzprosa mit dem Schwerpunkt Kurzgeschichte und Bezug auf Erzähltechniken

Heinrich Bölls Kurzgeschichte „An der Brücke“ aus dem Jahr 1949 diente Dietrich Garstka als Musterbeispiel für die typischen Merkmale dieses literarischen Genres. Anstelle der Beschreibung einer langfristigen Entwicklung wird der Leser ganz unvermittelt in die Handlung hineingestoßen, die eher einer Moment- als einer Bestandsaufnahme gleicht.

 

Auch die Figuren werden aufs Äußerste reduziert, sie charakterisieren sich lediglich durch ihre Handlungen und gegebenenfalls im Dialog, nicht jedoch durch Motive und Beweggründe. Allein der erste Satz in Bölls Kurzgeschichte eröffnet ein ganzes Universum an Themen: Kriegsversehrtheit, Fremdbestimmheit, Arbeitsunfähigkeit – und dabei wird keines davon konkret beim Namen genannt, sondern schwingt lediglich auf der Metaebene des Satzes mit.

 

Typisch für Kurzgeschichten sind auch der umgangssprachliche, parataktische Erzählstil und die personale Perspektive. Bilder, Metaphern und Symbole machen die Aussage des Textes sinnlich wahrnehmbar, der Dialog kennzeichnet die Figuren selbst und ihr Verhältnis zueinander mit wenigen Worten. Wie auch bei Böll hat der Protagonist häufig Objektfunktion, das heißt, etwas geschieht mit ihm, etwas stößt ihm zu, ohne dass er einen großen Handlungsspielraum besitzt oder die Ereignisse nachhaltig beeinflussen könnte.

 

Am Ende einer Kurzgeschichte sollte im Idealfall eine Pointe oder eine überraschende Wende stehen, die das Grundthema noch einmal vertieft. Eben dies war Bestandteil einer praktischen Übung für die Workshop-Teilnehmer, die Peter Bichsels verkürzt wiedergegebener Kurzgeschichte „Musikdosen“ ein eigenes Ende hinzufügen sollten. Entscheidend für diese Aufgabe war nicht nur das Ersinnen einer entsprechenden Pointe, sondern auch das Aufgreifen des Bichsel’schen Tonfalls und seiner spezifischen Erzählweise. Hier konnten die soeben erlernten Kenntnisse über die Merkmale einer Kurzgeschichte unmittelbar in die Praxis umgesetzt werden, was den Teilnehmern mit Erfolg und einigen sehr berührenden und überraschenden Eigenleistungen durchaus gelang.

 

Gerade mal eine Stunde Zeit blieb den FDA-Autoren, um das Rauchen der Köpfe durch Füllen der Mägen einigermaßen auszugleichen, dann stand bereits der nächste Workshop auf dem Programm.

Anat Kálmán und Ellen Balsewitsch-Oldach: Literaturkritik und Lektorat

Schon am Vorabend, gleich nach der Festrede von Frau Prof. Nagelschmidt, hatte Anat Kálmán an alle Anwesenden eine „Hausaufgabe“ verteilt: vier Gedichte, deren Autoren jedoch nicht genannt wurden. Wer sie noch nicht gelesen hatte, holte dies nun hastig nach, denn der Workshop begann mit einer Bestandsaufnahme, bei der jeder seinen persönlichen Favoriten unter diesen vier Texten nennen konnte und aufgefordert war, den Gedichten Merkmale zuzuweisen.

 

Neben ganz allgemeinen Anmerkungen gab es hier auch bereits erste Interpretationsansätze, die Elemente wie Wortwahl, Metrik, Metaphorik und Stimmigkeit berücksichtigten. Unterstützt durch fünf Thesen von Stefan Zweig zur Analyse von Gedichten, die den Rahmen für diesen Workshop bildeten, kristallisierten sich deutliche Präferenzen heraus, die auch formal begründet werden konnten.

 

Ein Teil der Diskussion allerdings, beispielsweise um die Frage, ob die Metrik des dritten Gedichtes nun „perfekt und genial“ sei, wie eine Teilnehmerin fand, oder einfach nur enttäuschend schwach, basierte im Wesentlichen auf der (erst im Nachhinein bekannt gewordenen) Tatsache, dass sich beim Abschreiben der Texte eine Vielzahl von Fehlern eingeschlichen hatte. Natürlich wird eine Analyse zu anderen Ergebnissen kommen, wenn in einem Gedicht Wörter verändert werden, fehlen oder um eine Silbe gekürzt werden. Insofern sind die Ergebnisse dieses Teils des Workshops leider nicht relevant, denn trotz der irritierten Nachfragen einiger Teilnehmer wurden die entstellenden Tippfehler nicht eingeräumt.

 

Den zweiten Teil des Workshops übernahm Ellen Balsewitsch-Oldach, die eine kurze Einführung in die Aufgaben des Lektorats gab und diesen Begriff dabei weit genug fasste, um auch eine gegenseitige Textkritik unter Autoren in diese Kategorie einordnen zu können. Speziell um diese Form der Textbesprechung in Gruppen ging es auch schwerpunktmäßig, und hier wiederum in erster Linie um die Regeln für die Moderation. Wer schon einmal an Textwerkstätten teilgenommen hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich aus der legendären Empfindlichkeit von Künstlern, aber auch aus falsch verstandener Rücksichtnahme speisen.

 

Eine Reihe nützlicher „Spielregeln“ für solche Anlässe wurde den Teilnehmern an die Hand gegeben, um derartige Situationen in Zukunft vermeiden zu können. Vieles davon – etwa die Vorgabe, jeden ausreden zu lassen – mag selbstverständlich erscheinen, wird aber in der Praxis oft genug ignoriert.

 

Auch die sofortige praktische Umsetzung dieser Richtlinien bekam ihren Raum. Ellen Balsewitsch-Oldach stellte einen selbst verfassten Kurzkrimi zur Diskussion, den alle als Ausdruck vorliegen hatten. Wie in der Moderationsanleitung gefordert, wurden zunächst sämtliche Kommentare, Anregungen und Kritikpunkte gesammelt, teilweise auch innerhalb der Gruppe diskutiert, ehe die Autorin des Textes selbst dazu Stellung nehmen durfte. Die stoische Ruhe, mit der sie die Kritik an ihrem Kurzkrimi hinnahm, wurde allgemein bewundert und kann als eindrucksvolle Live-Umsetzung des zuvor eingeführten Regelwerks betrachtet werden.

 

Keine Pause wurde den Tagungsteilnehmern im Anschluss an diesen dritten Workshop des Sonnabends gegönnt – denn vor der Tür wartete schon der Bus zum nahe gelegenen Dornröschenschloss Sababurg.

Besuch des Grimm'schen Märchenschlosses Sababurg (Text: Birgit Burkey)

Wir hatten das Vergnügen, auf den Spuren der Gebrüder Grimm die Umgebung des Schlosses zu erkunden und dem amüsanten Erzählstil unseres Burgführers zu lauschen. Insbesondere die Ausführungen zum Funde Jesu fanden regen Anklang, denn in der Nähe der Burg befand sich der Wallfahrtsort Gottesbüren. Dort wurde Anno 1330 ein unverwester Leichnam gefunden, der als Körper von Jesus Christus identifiziert worden sein soll und der Gegend viele Pilger bescherte.

Im 16. Jahrhundert umgab die Sababurg eine dichte Dornenhecke, die die Gebrüder Grimm dazu verleitet haben soll, das Märchen „Dornröschen“ zu schreiben.

Heute beherbergt die Burg einen Hotelbetrieb mit Restaurant und eine Außenstelle des Standesamtes von Kassel. Heiraten inmitten einer märchenhaften Kulisse ‒ das lockt viele Brautpaare an diesen verwunschenen Ort.

 

Nach einer kleinen Stärkung mit Punsch und Rosenküchlein begaben wir uns wieder zur Tagungsstätte Hofgeismar.

 

Hier erwartete die Teilnehmer bereits der nächste Programmpunkt:

Vortrag von Peter Gehrisch: Zur poetischen Trittspur Johannes Bobrowskis

Der Lyriker Johannes Bobrowski kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht und geriet anschließend in Kriegsgefangenschaft. Später arbeitete er als Lektor bei einem kleinen Berliner Verlag. Seine Gedichte über seine ostpreußische Heimat galten in der DDR als problematisch. 1960 erhielt Bobrowski eine Einladung der Gruppe 47 und wurde dabei auch mit einem Preis ausgezeichnet. Erst die Veröffentlichung in einem westdeutschen Verlag löste schließlich auch die Beachtung seiner Werke in der DDR aus.

 

Zu Bobrowskis Vorbildern zählte zunächst Friedrich Schiller, später dann Hölderlin. Von ihm übernahm er auch die Orientierung an der griechischen Dichtung ohne Reim am Zeilenende. Auffallend häufig thematisierte Bobrowski in seinen Gedichten das Wasser in allen nur vorstellbaren Erscheinungsformen, als Fluss, See, Teich und Ozean. Wasser und Natur allgemein waren für ihn wichtige Symbole, denen er eine neue und eigene Bedeutsamkeit verlieh.

 

Bobrowski starb im Alter von 48 Jahren an einem Blinddarmdurchbruch. Eindrucksvoll berichtete Peter Gehrisch von einem Besuch bei der Witwe und der Besichtigung des Arbeitszimmers, in dem Bobrowski seine Werke verfasst hat. Auch die Zuhörer konnten sich dank eines Beamers auf die geistige Reise in diesen sehr persönliche gestalteten Raum begeben, während Peter Gehrisch eine umfassende Analyse einiger Gedichte von Bobrowski vorstellte und dabei immer wieder auch Parallelen zu seiner persönlichen Situation zog.

 

Das abendliche Büfett mit Tee und Wasser markierte das Ende dieses langen, erkenntnisreichen, aber auch sehr anstrengenden Tages. Wer jetzt nicht gleich erschöpft ins Bett fallen wollte, hatte wie schon am Vorabend erneut Gelegenheit, sich bei Selbstbedienungsgetränken mit den Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.

Von dieser Möglichkeit machten die meisten FDA-Autoren Gebrauch; selbst die nicht mehr Zwanzigjährigen bewiesen eine bewundernswerte Energie. Beweis genug, dass so eine Jahrestagung eben nicht nur der Wissensaufnahme dienen soll, sondern mindestens ebenso eingehend für die Festigung und Erneuerung freundschaftlicher und kollegialer Kontakte genutzt werden will.

 

Gleich nach dem sonntäglichen Frühstück, bei dem die letzten Spuren eines möglichen Katers durch große Mengen Kaffee getilgt wurden, stand schließlich der letzte Workshop auf dem prallvollen Programm.

Dr. Herbert Pruns und Claus Irmscher: Autorenverbände in der Krise

Ganz so zahlreich, wie man meinen sollte, sind Autorenverbände in Deutschland nicht. Zwar gibt es Gruppierungen, die auf Vertreter bestimmter Genres zugeschnitten sind – etwa Dramatiker, Drehbuch- oder Krimiautoren –, doch neben dem FDA existiert in ähnlicher Größenordnung nur noch der gewerkschaftsnahe Verband deutscher Schriftsteller (VS). Er wurde 1969 (nicht wie im Workshop dargestellt 1970) mit Unterstützung von Martin Walser, Günter Grass und Heinrich Böll gegründet. Ob er von der Gewerkschaft Ver.di tatsächlich mit einer jährlichen Förderung von 400.000 Euro ausgestattet wird, lässt sich nicht zweifelsfrei klären – sollte dies richtig sein, so ist der Verband gegenüber dem FDA natürlich wenigstens finanziell deutlich im Vorteil.

 

Ungeachtet dessen kommt der FDA nicht um seine Verpflichtung herum, sich selbstständig und aus eigenem Antrieb um Förderungen zu bemühen. Herrn Irmschers Ausführungen zu diesem Thema hörten sich an wie eine Chronologie des selbst induzierten Scheiterns. So klagte der Vorsitzende des FDA-Landesverbandes Thüringen darüber, dass er „hausieren und betteln“ gehen müsse, um Lesungen zu organisieren, dass die Bibliotheken aufgrund des negativen Einflusses der BRD-Politik finanziell immer schlechter ausgestattet seien, und nicht einmal eine private Spende von 300 Euro an eine neu errichtete Bücherei habe ihm und seiner Ehefrau die erhofften Einladungen zu Lesungen eingebracht.

 

Von Ausgrenzung, Verweigerung, Schmähungen und Missachtungen war die Rede, auch davon, dass die Jugend als Zukunft des Landes „plattgemacht“ und eine geplante Lesereihe in Erfurt schlicht und einfach abgelehnt wurde. „Wir waren ja mal ein ,Leseland DDR’“, so Claus Irmscher wörtlich, doch mittlerweile werde Kundenzufriedenheit höher bewertet als Bildungspolitik.

 

Da bis zu diesem Zeitpunkt nicht ersichtlich wurde, in welcher Form die Teilnehmer dieser als Workshop betitelten Veranstaltung selbst aktiv werden durften, entbrannte schließlich auch ohne ausdrückliche Aufforderung des Sprechers eine heftige Diskussion, in der praktisch ausschließlich Gegenpositionen bezogen wurden. Hier war von der Eigenverantwortung die Rede und davon, dass Autoren sich unter keinen Umständen auf einen „Segen von oben“ verlassen dürfen, wenn sie ihre Ziele realisieren wollen.

 

Gefragt sind aktive, flexible, tatkräftige Landesverbände, die Chancen erkennen und nutzen, anstatt Forderungen zu stellen, und die das Potenzial ihrer Mitglieder ausschöpfen. Natürlich können Lesungen nicht immer gegen Honorar stattfinden. Für viele (Nachwuchs-)Autoren zählt es allerdings auch viel mehr, dass sie die Möglichkeit haben, ihre Texte einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

 

Der Koreferent Dr. Herbert Pruns, Präsident der Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat, regte außerdem an, Verlage stärker in den FDA mit einzubeziehen, da sie die entscheidende Schnittstelle zwischen Autor und Leser darstellen, und sich intensiv mit Stiftungen zu vernetzen, die häufig nützliche Ratschläge geben können, auch wenn sie bestimmte Vorhaben nicht selbst fördern.

Mit dieser Veranstaltung ging die diesjährige Arbeitstagung des Freien Deutschen Autorenverbands in Hofgeismar zu Ende. Man darf gespannt sein auf die Auswertung der Fragebögen zur Evaluation, die von den meisten Teilnehmern ausgefüllt wurden und entscheidend sein werden für die weitere Gestaltung der Jahresveranstaltungen. Meine persönliche Meinung dazu:

 

Workshops, in die jeder Einzelne mit einbezogen wird und die von FDA-Mitgliedern kostenneutral durchgeführt werden, sind nicht nur die preiswertere, sondern auch die geistig anspruchsvollere Alternative zu den bisherigen Kongressen. Wer Freude hat am Lernen, an aktiver Mitarbeit und an der Aufnahme von Wissen, der kam hier auf seine Kosten. In Sachen Unterbringung waren zwar ein paar Abstriche gegenüber den gewohnten Kongresshotels notwendig, doch beschränkten sich diese auf (für mich) verzichtbare Extras wie Servicepersonal, Menüwahl oder die bereits oben erwähnten Fernsehapparate – zu deren Nutzung das Programm ohnehin keine Zeit ließ.

 

Damit wäre ich auch schon beim entscheidenden Kritikpunkt angelangt. Obwohl jede einzelne Veranstaltung eine Fülle von Informationen und Einsichten bot, hätte ich mir doch zwischendurch größere Pausen und die Möglichkeit einer selbstbestimmten Freizeitgestaltung gewünscht, sei es zur Erholung, zur Aufarbeitung des Gelernten oder zur Kontaktpflege. Ich erkenne die enorme Organisationsleistung an, die hinter dieser Tagung steckte, und weiß sie sehr zu schätzen, denke aber, dass wir aus „Kinderkrankheiten“ wie der Programmüberfrachtung lernen sollten.

 

Für das kommende Jahr wünsche ich mir eine Arbeitstagung, die ebenfalls wieder aus den eigenen Reihen gestaltet und durchgeführt wird, mit ähnlich interessanten und informativen Themen wie 2012, aber eingebettet in einen Rahmen, der genügend Raum für Austausch und Gespräche lässt.

 

Zeit und Ort stehen übrigens schon fest: vom 1. bis zum 3. November 2013 tagt der FDA in Bad Bevensen.

 

Wir sehen uns dort!

Neuer Vorstand gewählt

Auf seiner Mitgliederversammlung am 6. Mai 2017 hat der Freie Deutsche Autorenverband Berlin e.V. (FDA) Jordan T. A. Wegberg zum neuen ersten Vorsitzenden gewählt. Wegberg (Mitte) ist freier Autor, Übersetzer und Literaturdozent und trat dem Verband 2009 bei, 2013 wurde er stellvertretender Vorsitzender.

 

Ebenfalls zum neuen Vorstand gehören die freie Autorin Astrid Müller (stellvertretende Vorsitzende, links) und die Medienproduzentin und Publizistin Katja Mischke (Schatzmeisterin, rechts). Wegberg zu seiner Wahl: „Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem neuen Vorstand sowie den drei Beisitzern den FDA noch stärker mit der Berliner Literaturszene zu vernetzen und die Anliegen von Autorinnen und Autoren voranzutreiben.“

 

Seit 1985 vertritt der Berliner Verein die Interessen von Schreibenden, unter anderem durch Lesungen, Kongresse, Workshops, Fachvorträge und Anthologien. Er unterstützt Autoren bei der Veröffentlichung ihrer Werke und berät sie bei der Suche nach einem geeigneten Verlag.

 

Im vierwöchigen Turnus treffen sich die rund sechzig Berliner Mitglieder zu Vereinssitzungen. Zusätzlich bietet der Verband eine monatliche Textwerkstatt an. Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit stehen die Literatur und der Prozess des Schreibens. In den Verein werden Autor(inn)en aufgenommen, die ihre schriftstellerischen Qualitäten bei einer Antrittslesung unter Beweis stellen. 

Autorenkongress Birkenwerder 2017

Oliver Guntner vom FDA Thüringen hat einen ausführlichen Bericht über unseren Autorenkongress 2017 verfasst und mit Fotos zu einer lebendigen Erinnerung ergänzt. Herzlichen Dank dafür! 

FDA - der Film!

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