Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.
Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.

Lost Man - FDA-Lesung mit Johannes Groschupf

Bericht und Fotos: Jordan T. A. Wegberg

Ein erwartungsvolles Publikum, ein gefülltes Wasserglas, eine gut vorbereitete Moderatorin – und ein leeres Pult. Hier sollte eigentlich der Berliner Autor Johannes Groschupf sitzen und Auszüge aus seinem Roman Lost Boy lesen (Oetinger Verlag 2017). Die Veranstaltung war bereits seit Monaten vom Freien Deutschen Autorenverband geplant und vorbereitet, die Schwartzsche Villa zum Ort des Geschehens bestimmt, Plakate entworfen und gedruckt und zahlreiche Einladungen versandt worden. Und nun: Lost Man statt Lost Boy.

Mit zwanzigminütiger Verspätung und flatterndem Schal kam er dann doch noch die Stufen hochgeeilt: Selbst ein Berlin-Kenner, der leer stehende Kinderheime, stillgelegte U-Bahnhöfe und geschlossene Hotels zum Schauplatz seiner Romane macht, kann sich zwischen Kreuzberg und Steglitz ganz banal verfahren.

 

Zum Glück ist Groschupf ein Profi, und die sehr facettenreiche und äußerst sorgfältig recherchierte Anmoderation von Katja Mischke (FDA) reichte ihm aus, um vom Autofahrer- in den Autorenmodus umzuschalten.

Johannes Groschupfs Sohn, inzwischen Mitte zwanzig, hatte auf die Entstehung dieses Romans einen wesentlichen Einfluss. Er kam als Teenager eines Nachts nicht nach Hause und löste damit erhebliche Panik aus (tatsächlich wandelte er nur auf den Spuren des Vaters: Er hatte das verlassene und verfallende Kinderkrankenhaus Neukölln entdeckt und der Verlockung nicht widerstanden). Auch er war einmal gezwungen, auf dem Hamburger Hauptbahnhof zu übernachten. Und er war es, der Groschupf mitnahm zum Bunker-Rave in Moabit, ein Event, das im Roman Lost Boy eine zentrale und handlungsgebende Funktion erhalten hat. 

Lost Boy ist die Geschichte von Lennart, der mit Gedächtnislücken auf dem Hamburger Hauptbahnhof zu sich kommt. Jule hilft ihm, sich selbst und seine Heimatstadt Berlin wiederzufinden, doch dann geht auch sie ihm verloren. Bei seiner Suche nach ihr steht Lennart einem übermächtigen Gegner gegenüber, der Musik wie eine Waffe einsetzt.

 

DJ Bulgur ist ein skrupelloser Manipulator, der sich in der Betonkathedrale eines vor der Wende gebauten, aber nie genutzten U-Bahnhofs unter dem Innsbrucker Platz ein eigenes kleines Königreich errichtet hat, in dem er über Menschen und Schicksale regiert. 

Überhaupt hält Lost Boy zahlreiche Reminiszenzen an den Vorgängerband Lost Places bereit, nicht nur was die Figuren angeht, sondern auch im Hinblick auf die Vorliebe für geheimnisvolle, unzugängliche oder illegale Orte, die sich mitten in der Stadt vor den Blicken der ahnungslosen Bürger und Passanten verbergen und eine Art parallele Existenz führen. Johannes Groschupf ist ein Autor, der unter die Oberfläche und hinter die Fassaden blickt. Der Leser folgt ihm gern.

 

Die positiven und neugierigen Reaktionen der Zuhörer machten deutlich, dass dieser Abend trotz seines verspäteten Starts eine gelungene Veranstaltung war – die rege Nachfrage nach handsignierten Büchern war der letzte Beweis, dessen es schon gar nicht mehr bedurfte.

Aktuell:

Oliver Guntner vom FDA Thüringen hat einen ausführlichen Bericht über unseren Autorenkongress 2017 verfasst und mit Fotos zu einer lebendigen Erinnerung ergänzt. Herzlichen Dank dafür! 

FDA - der Film!

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