Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.
Freier Deutscher Autorenverband Berlin e.V.

Literarischer Beitrag des Monats

Hier veröffentlichen wir jeden Monat ein neues Gedicht, einen Buchausschnitt oder einen anderen Schatz aus unserem Sammelsurium. Zu Wort kommen unsere Mitglieder - aber auch Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Wegbegleiter oder Künstler aus der Region. Für Inhalt und Interpunktion der Beiträge sind die jeweiligen Verfasser selbst verantwortlich.
Bis zu drei Beiträge können eingesandt werden an kontakt@fda-berlin.de in einer
unformatierten Word-Datei , maximal 5.000 Leerzeichen.                                          

Oktober  2022

 

GLÜCK

 

Die ehemalige Pracht des Sommers lag auf dem Weg, den sie entlang ging, gelbe Ahornblätter, wie ein Sternenteppich zu ihren Füßen. Ein Weg, den sie nicht kannte, aber sie wusste, dass die Richtung stimmte.
Der Regen hatte sie morgens geweckt. Nein, nicht der Regen. Das Geräusch, das die Tropfen auf der Plastikfolie erzeugten, mit der das ungedeckte Dach überzogen war.

Kurz darauf hatte es gepoltert und Hammerschläge waren zu hören. Die Dachdecker vor und über dem Dachfenster hatten mit ihrer Arbeit begonnen, unterhielten sich laut und drehten ihr Radio mit Schlagermusik laut auf. Unten waren Kinderstimmen zu vernehmen, von den Kleinen, die zum nahegelegenen Kindergarten gebracht wurden.

 

Bald hatte sie sich auf ihren Weg gemacht.

Es zog sie zu einer nahegelegenen Grünanlage. Zuerst vernahm sie eine gewisse Stille, aber je weiter ihre Füße sie in den Park hineintrugen, wurde sie der Lebendigkeit gewahr, die sie umgab: das Atmen der Bäume, das sanfte Rascheln der Blätter, das leise Knacken im Unterholz, das Sirren und Summen der Insekten und das Gezwitscher unzähliger Vögel. Von irgendwoher hörte sie einen Specht eine Baumrinde bearbeiten, und es echote durch die ganze Anlage. Es duftete nach Erde.

Die Spätsommersonne blinzelte durch das Laub der Baumkronen und zauberte ein märchenhaft geheimnisvolles Lichterspiel. Licht und Schatten wechselten sich ab.

Da hinten konnte sie das Haus schon ausmachen, in das sie eingeladen war.

 

Ein Jogger kam ihr entgegen. Von weitem wirkte sein Laufstil merkwürdig und ungelenk. Als er sich ihr näherte, bemerkte sie, dass er rückwärtslief. Hin und wieder warf er einen Blick über seine Schulter, sich vergewissernd, dass sich kein Hindernis auf seinem Weg befand. Sie trat an den Rand und ließ ihn passieren.

„Ja, warum nicht?“, dachte sie. Warum nicht rückwärtsgehen? Sie drehte sich um und ging den Rest ihres Weges rückwärts, den bereits beschrittenen Pfad vor Augen, in ihrem Rücken die Gewissheit, sich ihres Ziels zu nähern.

 

Bald wurde sie müde, das schon Vergangene zu sehen. Sie kannte den Weg, den sie gegangen war. Sie war neugierig auf das, was vor ihr lag. Also drehte sie sich wieder um und lief das kurze Stück weiter vorwärts.

Da stand es: das Haus, in das sie eingeladen war. Eine prachtvolle kleine Villa aus der Gründerzeit. Über dem Portal stand in großen Lettern „Glück“. Meinte es, glücklich sein oder Glück haben? Vielleicht war es hier eins.

Jemand öffnete, bevor sie läuten konnte.

 

„Herzlich willkommen im Haus Glück“, wurde sie freundlich begrüßt. Sie trat ein und spürte sofort: Ja, Glücklichsein und Glück haben waren hier eins.
Sie war die erste der geladenen Gäste. Oder war sie der einzige Gast?

„Wo sind die anderen?“, fragte sie, „Ich möchte das hier mit meinen Freunden und mit meiner Familie teilen. Es ist so schön.“

„Sie sind schon da. Geh nur hinein.“

 

Autorin Gabi Röhr ist Mitglied des FDA Berlin

 

 

 

                                         

 

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